Häufig wird man als Band gefragt, was denn so die musikalischen Vorbilder sind. Welche Bands einen beeinflusst haben und ob man eigentlich irgendjemand bestimmtes nachmacht. Wir wollen dieser Frage ein wenig auf den Grund gehen und betrachten dafür einmal den typischen Band-Alltag im Bus, auf dem Weg nach sonstwo.
Oft beginnt die Fahrt mit der Verkehrsdurchsage. Die hat Artjom angemacht. Die will aber keiner hören. Also wird auf CD umgeschaltet. Im CD-Player läuft irgendeine Platte von “Rainbow” oder Ronnie James Dio. Die hatte Artjom vorher nämlich drin, heimlich, als noch keiner außer ihm im Bus war. Niki und ich protestieren lauthals. “Ma ma die scheiße ausss!” (Niki), “uuuäääähh” (ich). Niki reißt die CD aus dem CD-Player und legt irgendeine Liveplatte von Frank Zappa auf. Die ist nur leider qualitativ nicht so 100 prozentig und auf den hinteren Plätzen im Bus kaum zu hören.
Wieder Protest, also kommt jetzt Tom Waits dran. Der ist zwar soundmäßig auch eher ungewöhnlich, aber wir kennen die Stücke alle so gut, dass man gar nicht so genau hinhören muss. Ich möchte gern “Tango ’till they’re sore” hören. Das verbietet Jakob mir aber – Cds müssen nämlich immer von Anfang bis Ende durchgehört werden. Ich protestiere, aber es hilft nix.
Zwischendurch fragt Roman “Wassn das für Musik?” “Das is Tom Waits” “ah, krasse Stimme!”. Nachdem das Album eine halbe Stunde später zu Ende ist, schlage ich vor, jetzt etwas lautes zu hören. Es folgt “Pump” von Aerosmith. Ich singe zu der Platte lauthals mit, was fast unmöglich ist, weil Steven Tyler unglaublich hoch singt. Niki bummst mit Händen und Füßen die fills von “Young lust”, Roman sagt “Cool!” und versucht sich eine Zigarette zu drehen. Aber immer dann, wenn eine richtig gute Stelle kommt, dreht Artjom ganz leise und sagt “wartet, ganz kurz…” und will irgendeine Ansage machen. Ich protestiere und singe nur um so lauter. Roman lacht, Jakob stöhnt. Niki guckt einfach geradeaus in die Gegend, ohne Mimik. Dann dreht Artjom die Musik wieder auf.
Als nächstes kommt die russische Band “Leningrad” mit “Menja sawut schnur”, ein relativ beknacktes Stück. Roman fragt “Was das denn?”, Niki rappt mit so einer Art Fantasierussisch mit, aber nur ganz leise. Jakob schweigt. Jakob schweigt viel, wenn er nicht mit Niki tuschelt und kichert. Oder wenn er Roman anschreit, er solle die Fresse halten. Wenn Jakob das macht, kann sich keiner mehr vor lachen halten und alle im Bus sind sehr fröhlich. Herrlich.
Nach Leningrad kommt meistens DDT und wir alle schweigen voller Ehrfurcht vor Yuri Scheftschuk, sehr melancholisch. Doch wieder gibt es eine Unterbrechung an der besten Stelle – Verkehrsfunk. Irgendwie schafft Artjom es nun, das Radio an zu lassen und wir hören auf einmal einen Schlager, richtig schlecht. Ich bin begeistert und schreie “Lauter”, Niki schreit “Nein”, Jakob schreit daraufhin noch lauter als alle zusammen. Währenddessen raucht Roman heimlich seine Zigarette. Damit ich ihn nicht bei Artjom verpetze, gibt er mir auch eine. Es ist wunderbar im Bus! Just in dem Moment, wo ich vor Wonne einschlafe, sind wir aber auch schon angekommen. Alles raus, Hallo sagen, Sachen aufbauen, Soundcheck. Konzert spielen. Bier trinken. Einpacken. Zurückfahren.
Kaum den Zündschlüssel umgedreht, schreit uns Yuri Scheftschuk in Ohrenbetäubender Lautstärke an. “Roooooodina…..jedu ya na rodinuuuu!” Wir stöhnen laut auf. Und einigen uns darauf, auf der Rückfahrt keine Musik mehr zu hören. Die Ohren klingeln eh noch so schön vom Livespielen kurz zuvor. Na dann, gute Nacht!
Max